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Man bleibt ein Teil der Gasse

Durchschnittlich 845 Personen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, besuchen wöchentlich eine der vier Abgabestellen von Tischlein deck dich in der Basler Innenstadt. Eine von ihnen ist Lilian Senn, Kundin bei der Abgabestelle in der Elisabethenkirche in Basel.

Die Lebensmittelabgabe in der Elisabethenkirche beginnt jeden Dienstagmorgen um 9.30 Uhr. Wöchentlich vor Ort ist Lilian Senn. Sie holt Lebensmittel für sich und ihren Mann. Die beiden schätzen die Abgaben sehr, denn die Surprise-Stadtführerin weiss, was es heisst, nichts zu haben: Lilian lebte vier Jahre lang «uf dr Gass». Sie ist sich deshalb sicher: «Wir brauchen mehr Abgabestellenvon Tischlein deck dich, um die vielen Armutsbetroffen zu unterstützen!»

Ohne Wohnung, keinen Job – ohne Job, keine Wohnung
Lilian ist offen und kommunikativ. Sie steht zu sich, weiss, was sie kann. Die ersten Lebensjahre verbrachte sie in einer Pflegefamilie, bis sie zu ihrer eigentlichen Familie zurückkehrte. Bereits mit 12 Jahren musste sie selbst Geld verdienen. Später absolvierte sie insgesamt vier Ausbildungen, arbeitete als Floristin und Bus-Chauffeurin und führte ein Personalbüro. «Da wir in der Familie nie viel hatten und ich schon früh mit der Armut konfrontiert war, rannte ich später dem Geld förmlich hinterher, ich wurde ein Workaholic», erzählt sie. Sie übernahm sich, erlitt ein Burnout und geriet in die Schuldenfalle. Dank ihrer Anstellung als Linienfahrerin in Zürich bekam sie die finanzielle Situation jedoch in den Griff. Sie wollte nochmals einen beruflichen Neustart wagen, scheiterte und geriet erneut in finanzielle Engpässe. Vier Jahre lang lebte sie danach in Basel «uf dr Gass». «Es ist ein Teufelskreis», erklärt Lilian- «Hat man erst einmal die Wohnung verloren, kommt man nur schwer wieder an einen Job. Ohne Job, ist es aber auch unmöglich, eine Wohnung zu bekommen.»

Schwarzer Peter, Surprise und Tischlein deck dich
Die Rettung war für die 64-Jährige die Ausbildung zur Leiterin für soziale Stadtführungen bei Surprise. Hier lernte sie auch ihren jetzigen Mann kennen, den sie 2019 heiratete – eine Liebesgeschichte, die auch schon bei Surprise veröffentlicht wurde. Als Reaktion auf die Publikation erhielt das Paar sogar Wohnungsangebote, so dass sie nun wieder ein Dach über dem Kopf haben. Mittlerweile ist Lilian Rentnerin, mit den Stadtführungen verdient sie sich einen Zustupf. Trotzdem ist das Haushaltsbudget knapp: «Bereits die Krankenkasse sprengt unsere Einnahmen, und auch die Wohnung können wir uns nur dank der Genossenschaft und der Mietreduktion leisten. Aus diesem Grund schätzen wir auch Tischlein deck dich so sehr.» Die Kundenkarte beantragt Lilian seit 2016 jedes Jahr beim Schwarzen Peter, einem Verein für Gassenarbeit. Seither ist die Abgabestelle Elisabethenkirche ihre wöchentliche Anlaufstelle. Sollte sie einmal wegen einer Stadtführung verhindert sein, holt ihr Mann die Lebensmittel. Beide sind begeistert vom Freiwilligenteam in der Elisabethenkirche, und sie hoffen, dass es ihnen noch lange Zeit erhalten bleibt und durch junge Helferinnen und Helfer erweitert wird.

Systemfehler
Lilian steht auch für andere ein und zeigt Menschlichkeit: «Wir planen unsere weiteren Wocheneinkäufe erst, wenn wir die Lebensmittel der Abgabe haben», sagt sie. «So verschwenden wir nichts, und was wir nicht mögen, gebe ich an armutsbetroffene Bekannte bei Surprise weiter.» Den Bezug zur Gasse will sie nie verlieren, denn: «Wer einmal auf der Gasse war, kann ihr nicht einfach wieder den Rücken kehren, man bleibt ein Teil von ihr.» Sie ist sich sicher, dass es das System ist, das Menschen in die prekären Situationen bringt. Die meisten Armutsbetroffenen und Obdachlosen trügen keine Schuld. Ihre Lebenserfahrung hat Lilian bereits an ihre zwei Söhne weitergegeben – und sie vermittelt sie nun auch an ihre sieben Enkelkinder.

Sind auch Sie in eine Notsituation geraten? Setzen Sie sich mit einer unserer 1300 Sozialfachstellen in Verbindung und beantragen Sie eine Bezugskarte. Die Ausstellung erfolgt nach situativer Abklärung. Die Sozialfachstellen finden Sie nach Kanton unter diesem Link.

Den gesamten Bericht finden Sie auch in unserer Tischlektüre.