Seinen Weg gehen, aufrecht und mit Würde
Die Lebensmittelhilfe von Tischlein deck dich kommt Menschen und Familien in schwierigen finanziellen Situationen zugute. Hinter dieser allgemeinen Aussage verbergen sich vielfältige und unterschiedliche Schicksale und Lebenswege, wie die Gespräche mit Kundinnen und Kunden der Abgabestelle Freiburg (FR) zeigen.
An diesem Morgen der ersten Abgabe des Jahres 2026 in Freiburg schneit es. Im Untergeschoss des Franziskanerklosters sind die Freiwilligen von Tischlein deck dich dabei, die Verteilung der Lebensmittel vorzubereiten, die vom Logistiklager Grenchen angeliefert worden sind. Eine Stunde lang kommen etwa 50 Familien oder Einzelpersonen an den Tischen vorbei, begleitet von den Freiwilligen von Tischlein deck dich, um Früchte und Gemüse, Milchprodukte und Backwaren, Getränke, Snacks, Schokolade und Guetzli zu erhalten. Nach ihrem Besuch haben wir einige der Kundinnen und Kunden zum Gespräch getroffen.
Eine Scheidung und alles ist anders
Elisabeth*, um die 60 Jahre alt, ist seit vier Jahren geschieden. Zuvor hatte sie drei Kinder grossgezogen und sich um den Haushalt gekümmert. Die Scheidung war ein brutaler Einschnitt in ihrem Leben. Heute hat die gebürtige Freiburgerin mehrere kleine Jobs: Sie verteilt vor Tagesanbruch Zeitungen und am Vormittag Werbung. Dann arbeitet sie auch noch einige Stunden als Sigristin in der Kirchengemeinde ihres Dorfes. Elisabeth hat ihr Leben selbst in die Hand genommen und ist stolz auf ihre Jobs. Aber das reicht nicht aus, um alle Rechnungen und die Kosten für ihr Auto zu bezahlen, das sie für ihre Arbeit braucht. Es fiel ihr schwer, die Lebensmittelhilfe von Tischlein deck dich anzunehmen. Elisabeth möchte nicht, dass ihre Nachbarn wissen, dass sie Lebensmittel bezieht. Dennoch ist diese wöchentliche Unterstützung eine grosse Hilfe für sie. Elisabeth schätzt auch die Atmosphäre an der Abgabestelle, «das Internationale», wie sie sagt. Ins Kino, ins Theater und auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann. Einmal pro Woche gönnt sie sich eine Aquafit-Stunde – um gesund zu bleiben und sich etwas Gutes zu tun. Und das merkt man: Elisabeth hat einen klaren Blick und ein ruhiges Lächeln, wenn sie über ihr Leben spricht und strahlt eine beeindruckende Resilienz und inneres Selbstvertrauen aus.
Wir treffen zwei weitere Personen: Zayed*, einen verheirateten Syrer mit fünf Kindern. Er kam vor etwa zehn Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz. Seit einiger Zeit hat er das Recht zu arbeiten. Jetzt installiert er Sanitäranlagen und Heizungen. In seinem Heimatland war er «Plättlileger». Aber um diesen Beruf in der Schweiz auszuüben, hat er nicht die erforderlichen Diplome. Mit seinem siebenköpfigen Haushalt ist die Lebensmittelhilfe, die er bei Tischlein deck dich erhält, für ihn sehr wertvoll. Die Situation von Sylvie* ist noch einmal anders: Sie ist Witwe und hat zwei Kinder zu versorgen. Ihre Teilzeitstelle im Pflegebereich ermöglicht ihr keine vollständige finanzielle Unabhängigkeit. Dank der Lebensmittelhilfe von Tischlein deck dich kann sie ihr Budget im Gleichgewicht behalten.
Wieder in die Heimat zurück
Dann nimmt sich Paloma* Zeit, uns ihre Geschichte zu erzählen: Sie ist alleinerziehende Mutter eines 25-jährigen Sohnes mit leichtem Autismus und einer 16-jährigen Tochter, beide in der Schweiz geboren. Sie lebten über 10 Jahre lang in Brasilien, bevor die Kinder den Wunsch äusserten, in die Schweiz zu kommen. Paloma absolviert derzeit eine Ausbildung zur Pflegehelferin und hat seit einigen Monaten auch das Recht zu arbeiten. Sie muss zwischen ihren Arbeitszeiten und den Bedürfnissen ihres Sohnes jonglieren: Obwohl er bereits erwachsen ist, kann er aufgrund seines Autismus nicht den ganzen Tag allein bleiben. Die Sozialabteilung ihrer Gemeinde hat der zweifachen Mutter eine Kundenkarte von Tischlein deck dich ausgestellt, mit der sie seit Oktober 2025 Lebensmittelhilfe beziehen kann. Das ist eine grosse Erleichterung für sie. Als sie sich die Zeit nimmt, über ihr Leben und ihre Situation zu sprechen, überkommen sie die Emotionen, Tränen kullern über die Wangen. Dennoch will sie ganz sicher kein Mitleid. Lieber geht sie ihren Weg weiter, aufrecht und mit Würde.
Die Lebensmittelabgabe ist beendet, die Tische sind leer. Das Team der Freiwilligen räumt den Saal auf und geht einmal mit dem Staubsauger überall durch. Doris Rutishauser, die Abgabestellenleiterin in Freiburg, ist zufrieden mit dieser Lebensmittelabgabe. Alles ist nach Plan abgelaufen, die Kundinnen und Kunden sind mit vollen Taschen nach Hause gegangen, viele dankbar für die erhaltene Unterstützung. Einen Wunsch hat Doris Rutishauser jedoch: Zusätzliche Hilfe durch noch mehr Freiwillige, die eine grosse Wirkung erzielen kann.