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Datum:
21.10.2026

Nicht aufgeben, nicht nachlassen

Lebensmittelabfälle spür- und messbar verringern – das ist das Ziel des Aktionsplans gegen Lebensmittelverschwendung. Die Zwischenbilanz zeigt, dass die Schweiz bei der Umsetzung des Aktionsplans noch nicht dort ist, wo sie sein sollte. Alex Stähli und Claudio Beretta ordnen ein.

Am 8. April 2022 verabschiedete der Bundesrat den Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung. Ziel: bis 2030 die vermeidbaren Lebensmittelverluste im Vergleich zu 2017 um die Hälfte zu reduzieren. Anfang Mai dieses Jahres hiess der Bundesrat den planmässig erarbeiteten Zwischenbericht gut. Dieser zeigt deutlich, dass der Weg zum Ziel noch sehr weit ist. Denn statt der veranschlagten 25 Prozent gingen die Lebensmittelverluste bis 2025 nur um 5 Prozent zurück.

Die politischen Akteure könnten jetzt die positiven Entwicklungen beschleunigen und multiplizieren.

Claudio Beretta, Umweltwissenschaftler

Keine Überraschung

Alex Stähli, Geschäftsführer von Tischlein deck dich, überrascht das nicht. «Das Halbierungsziel war von Beginn weg ambitioniert», sagt er. «Wie häufig bei Projekten verschenkt man in der Startphase viel Zeit, die einem am Schluss fehlt. So auch hier: Der Startschuss in der Schweiz fiel etwas spät, und die Ursachen- und Lösungsfindungen benötigen viel Zeit und Engagement. Das Problem ist enorm komplex.» Denn bei Foodwaste gehe es um weit mehr als Lebensmittel nicht ungenutzt wegzuwerfen – es geht auch um Überproduktionen in der Natur, Schwankungen der Nachfrage je nach Wetter, Prozessoptimierungen und den Umgang mit sogenannten Nebenströmen. Das sind «Abfallprodukte» aus der Lebensmittelherstellung, die eigentlich verwertbar wären, für die es aber keinen Markt gibt. Alex Stähli nennt als Beispiel Molke. Jedes Jahr fallen laut Agroscope bei der Käseherstellung etwa 1,3 Millionen Tonnen Molke an. Zu Lebensmitteln verarbeitet wird davon jedoch nur knapp ein Viertel. «Was mit dem Rest gemacht werden soll, weiss niemand so recht», sagt Alex Stähli. «Wir können ja niemanden zwingen, einen halben Liter Molke vor jedem Kaffee zu trinken. Auch für solche Fragen braucht es neue, kreative Lösungen.»

Positive Entwicklungen

Trotzdem gibt es für Alex Stähli auch Lichtblicke. «Die Gastronomie hat gezeigt, dass sie sich den Herausforderungen rund ums Thema Foodwaste stellt», sagt er. Mit dem vom Verein United Against Waste geführten Programm «Food Save Management» seien mit einfachen Mitteln ansehnliche Erfolge zu erreichen, die sich erst noch finanziell positiv auswirkten. «Das ist eine Erfolgsstory, und ich hoffe, dass sie sich noch weiter in der Gastrobranche ausbreitet», so Alex Stähli. Ebenfalls fleissig sei der Detailhandel. Dort brachte der Aktionsplan zusätzliche Massnahmen ins Rollen, zum Beispiel die Möglichkeit, Frischfleisch vor Ablauf tiefzugefrieren und es so länger haltbar zu machen. Herstellerseitig sei positiv, dass immer mehr Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum statt einem Verbrauchsdatum ausgezeichnet werden. Interessant ist, wie sich die bisherigen Bemühungen im Rahmen des Aktionsplans auf Tischlein deck dich auswirken. «Wir stellen einerseits einen Rückgang der Mengen bei bestehenden Spendern aus Landwirtschaft, Produktion und Handel fest», sagt Alex Stähli. «Gleichzeitig können wir auch immer wieder neue Projekte mit engagierten Menschen und Firmen realisieren und anpacken.»

Blick hinter die Zahlen

Auch Claudio Beretta, unter dessen Leitung die Analysengrundlage für den Zwischenbericht erarbeitet wurde, ist von den Ergebnissen nicht überrascht. Für den ETH-Umweltwissenschaftler, der nun an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW das Foodwaste-Monitoringprojekt leitet, lohnt sich aber der Blick hinter die Prozentzahlen: «Die fünf Prozent, die jetzt vermieden wurden, entsprechen über 100’000 Tonnen – und das ist dann doch eine beachtliche Zahl», findet er. «Sie zeigt: In den Bereichen, in denen man das Problem anpackte, wurde auch etwas erreicht.» Claudio Beretta räumt jedoch ein, dass alle Zahlen mit Vorsicht zu geniessen seien. «Die Datenlage ist längst nicht überall so gut wie im Detailhandel», sagt er. Viele Berechnungen basieren noch auf bereits vorhandenen Zahlen, Hochrechnungen und Schätzungen. Dass der Bund in der zweiten Projektphase das Monitoring ausweiten und die Datengrundlagen verbessern will, hält Claudio Beretta deshalb für sinnvoll. Nicht nachvollziehen kann er, dass sich der Bund bezüglich weiterer Massnahmen immer noch zurückhalten will. «Die politischen Akteure könnten jetzt die positiven Entwicklungen beschleunigen und multiplizieren», sagt der Umweltwissenschaftler. Dass der Bund trotz der Abweichung vom definierten Reduktionsziel immer noch auf die Eigenverantwortung und -initiative von Unternehmen und Verbänden setzt, versteht er nicht. Denn der Bericht der ZHAW zeigt verschiedene Möglichkeiten, die jetzige Dynamik zu verstärken, zum Beispiel durch Beratungsanreize, Anstossfinanzierungen oder verbindliche Reduktionsziele für grössere Unternehmen.

Alle beteiligten Akteure suchten sich für ihre Aktionen passende Schwerpunkte aus: Einkaufen, Lagerung, Haltbarkeit von Lebensmitteln, kreativ Kochen, Freude am Essen.

Markus Hurschler
Geschäftsführer des Vereins United Against Waste, koordinierte die Aktivitäten der ersten Woche gegen Food Waste

Die Bevölkerung aktivieren

Dafür setzt der Bund auf die Sensibilisierung der Haushalte. «Die Konsumierenden sind eine Schlüsselgruppe beim Vermeiden von Foodwaste», findet auch Claudio Beretta. Die Herausforderung ist der sogenannte Behavior-Action-Gap: jene Teile der Bevölkerung, die sich der Thematik bewusst und daran interessiert sind, auch zum Handeln zu bewegen. Ein erster Ausdruck der bundesrätlichen Bemühungen ist die vom Bund unterstützte Nationale Woche gegen Foodwaste, die kürzlich zum ersten Mal über die Bühne ging. «Wir replizierten für dieses Pilotprojekt das Konzept der erfolgreichen niederländischen Food Waste Free Week», sagt Markus Hurschler. Er ist Geschäftsführer des Vereins United Against Waste, der die Aktivitäten der Woche koordinierte. «Alle beteiligten Akteure suchten sich für ihre Aktionen passende Schwerpunkte aus: Einkaufen, Lagerung, Haltbarkeit von Lebensmitteln, kreativ Kochen, Freude am Essen», so Markus Hurschler. «Diese Schwerpunkte konnten sie bespielen, wie sie es für richtig hielten.» Die Nationale Woche gegen Food Waste, an der sich dieses Jahr bereits über 40 Akteure beteiligten, soll künftig jährlich stattfinden und so ein konzentriertes Licht auf die Thematik werfen. «Die Woche war im Gesamtbild aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Alex Stähli. «Der Bund muss nun die Sensibilisierung der Bevölkerung ergänzend und umfassend vorantreiben.»

Weiter, immer weiter

Alex Stähli und Claudio Beretta bezweifeln, dass die Zielvorgaben des Aktionsplans im gesteckten Zeitrahmen erreicht werden. Offizielle Erklärungen, dass «die bisher ergriffenen Massnahmen mehr Zeit brauchen, bis sie ihre volle Wirkung entfalten», überzeugen sie nicht vollständig. Bei Einzelmassnahmen wie dem Tiefgefrieren von Frischfleisch sei das zwar zutreffend, so Claudio Beretta, «aber damit sind die fehlenden 20 Prozent nicht zu erklären.» Alex Stähli wird noch deutlicher: «Wenn man glaubt, der Samen sei jetzt gesetzt und man müsse nur noch darauf warten, dass daraus ein Pflänzchen wächst, liegt man falsch.» Foodwaste verlange ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. «Da muss man dranbleiben, das grosse Problem in bewältigbare Handlungsfelder aufteilen und diese konsequent bearbeiten.» Es kommt den beiden trotzdem nicht in den Sinn, jetzt den Kopf in den Sand zu stecken. «Aufgeben ist nie eine Option», gibt sich Claudio Beretta unbeirrt. Alex Stähli ergänzt: «Tischlein deck dich ist und bleibt hartnäckig am Thema dran, wir bleiben präsent und sind offen für Pilotprojekte und neue Ansätze.»

Tischlein deck dich ist und bleibt hartnäckig am Thema Lebensmittelrettung dran.

Alex Stähli
Geschäftsführer von Tischlein deck dich